Die Abschiedsfeier
Die Kirche scheinbar bis auf den letzten Platz und darüber hinaus gefüllt. Doch gesehen haben wir wirklich keinen. Die einzigen, die mir aufgefallen waren, waren die Tanzgruppen aus der Tanzschule. Alle waren wie von uns gewünscht in dem Tanz-Outfit. Die Großen in Rot-Weiss und Jessicas Gruppe in ihrem orange/weißen Outfit. Das Outfit, in dem Jessica ihre letzte Reise, ohne irgendjemanden mitzunehmen, antreten wird. Genauso Orange wie die Kleidung war auch Jessicas Sarg. Ein orange-farbiger Sarg, so wie er Jessica bestimmt gefallen würde.
Wir setzten uns auf die vorgesehenen Plätze und Jessicas bunte Abschiedsfeier fing an und ging an mir vorüber, als sei ich nicht anwesend. Die Lieder, gesungen von der Gemeinde oder von Mädchen der Kirchenmäuse, die Geschichten …. nichts davon erreichte mich wirklich. Die Gedanken, der Blick immer in Richtung ihres Bildes und des Sarges. Dort lag sie, mein kleines hübsches Mädchen und würde niemals mehr aufstehen. Ich weiß nicht woher die Kraft kam, dort auf dem Stuhl sitzen zu bleiben.
Die Geschichte von Pele und Tomo:
(aus gleichnamigen Buch v. Regine Schindler; gekürzt)
Pele und Tomo waren Freunde und zugleich Nachbarn. Nach der Schule und wenn sie mit den Schularbeiten fertig waren trafen sie sich und verbrachten den Nachmittag miteinander.
An der Grenze zwischen Tomos und Peles Garten war kein Zaun. Hier, in der Mitte hatten sich die beiden Jungen ein Beet gemacht, und sie steckten sorgsam die Samenkörner, die ihnen der Gärtner geschenkt hatte, in die fein vorbereitet Erde. „in ihnen steckt neues Leben“ hatte der Gärtner gesagt.
Sie gossen sorgsam und setzten sich jeden Tag eine Weile neben ihr Beet und warteten. Eine kleine Verschnaufpause mitten in ihrem Spiel. Sie wollten doch nicht den Moment verpassen, wenn sich die ersten kleinen grünen Spitzen aus der Erde herausschieben würden .Sie warteten auf das neue Leben, von dem der Gärtner gesprochen hatte. So war es bisher an jedem Tag.
Doch heute kam Tomo nicht. Pele wartete lange, dann warf er kleine Kieselsteine an Tomos Fenster. Aber das Fenster blieb geschlossen. Er ging ans Küchenfenster von Tomos Mutter Sabrina – es war offen. Sie stand am Herd und, als sie Pele sah, legt sie den Finger auf den Mund und schüttelt langsam den Kopf. Und Pele schlich leise weg. So ging es viele Tage. Die Tage waren lang und langweilig. Er wagte nicht zu fragen und keiner sprach mit ihm. Und jeden Tag stand er wieder vor den Fernstern und wartete.
Endlich wollte er Mut fassen und die Mutter Sabrina fragen. Da sah er sie durch das offene Fenster schwarz gekleidet am Küchentisch sitzen. Sie hatte ihren Kopf auf den Tisch gelegt. „Wo ist Tomo“ rief er verzweifelt, „wo ist er?“ Und ohne zu überlegen kletterte er durch das offene Küchenfenster und schüttelte die sitzende Gestalt.
Sabrina blickte auf und sagte „er war zu krank, so plötzlich, niemand konnte ihm helfen“, und sie saßen lange am Küchentisch. Sie hielt die Hand von Pele ganz fest.
Zu Hause tröstete ihn seine Mutter: „Tomo hat jetzt keine Schmerzen mehr“ „und wo ist er jetzt?“ bohrte Pele . „Er ist im Himmel“. „Der Himmel ist soo weit weg“ erwiderte Pele und blickte in das unendlich weite Wolkenmeer über sich.
„Nein, nicht dieser Himmel, Pele . Es ist ein neues Leben. Wir glauben, ein neues Leben mit Gott, – nur- wir wissen nicht, wie es ist. Wir nennen es Himmel“.
Ein neues Leben …., hatten sie beide nicht – Tomo und er – Samenkörner in die Erde gesteckt? Er hatte sie gänzlich vergessen. Er rannte zu dem Beet.
Dort stand Tomos Vater, nein er hatte die Samen nicht vergessen. Gerade stellte er die Gießkanne ab. „Das neue Leben“ rief Pele erregt, als er die kleinen Pflänzchen, die aus der Erde lugten, entdeckte, und an manchen klebten ganz vorn an den Spitzen die vertrocknete Hülle des Samenkorns.
Der Vater bückte sich nach ihnen und betrachtete sie schweigend. Lange stand er so und dachte nach. Und Pele stand und wartete. Plötzlich nickte er dem Jungen zu. Seine Augen leuchteten. Er legte eine halb vertrocknete Samenhülle auf Peles Handfläche und sagte:“ So ist es mit Tomo. Sein Körper war krank. Jetzt ist er tot. Die Hülle braucht Tomo nicht mehr. Er lebt jetzt ein anderes Leben, wie das Samenkorn, irgendwo, wir kennen es nur nicht. Aber ich glaube ganz fest, er ist bei Gott.
Unser Gott.
Wir haben von Jesus gelernt, dass du zu uns wie ein guter Vater, wie eine gute Mutter bist.
Aber der Tod von Jessica hat uns stumm gemacht und für manchen unter uns ist dein Name – o Gott – wie Asche auf der Zunge geworden, wie Asche, die unser Herz und unser Leben grau macht.
Und wir wissen – die einzige und letzte Chance, die Jessica und wir da noch haben ist, dass du doch da bist, dass du doch für sie, ihre Eltern und ihren Bruder da bist.
Und so bitten wir dich jetzt um das, was wir selbst nicht können: bewahre uns unter der Asche unseres Herzens doch einen Hauch von Glut, unter dem Staub der Erde doch einen kleinen Keim von Hoffnung. Lass unser Gebet nicht ins Leere fallen, sondern in dein Herz.
Berühre unser Herz und bewahre in ihm doch ein bisschen glühendes Orange und ein bisschen wachsendes grün. Und lass vor uns doch noch einen Himmel blühen, der hell und offen ist, der Platz für Jessica und uns alle hat.
Wir können dich doch nur dann loben und dir nur dann danken, wenn du unser Vertrauen in dich nicht enttäuschst, unser Vertrauen, dass du es mit uns trotz allem Dunklen in uns und in dieser Welt doch gut meinst.
Erbarme dich Jessicas! Erbarme ich ihrer Eltern und Ihres Bruders! Erbarme dich unser!
Die Predigt
(Begrüßung an mich, meine Frau, unseren Sohn und die Trauergemeinde.)
Uns allen kommen jetzt die Worte nur mühsam über die Lippen. Der Tod von Jessica – es hat uns bleich und stumm gemacht und manchen/manchem ist da das Wort Gott auf der Zunge wie zur Asche geworden. Der Tod von Jessica – der stellt den Sinn des Lebens und die Existenz Gottes in Frage.
Und wir wundern uns dann über uns selber, dass dann irgendwann, irgendwie plötzlich wieder der Hauch eines Lächelns auf unsere Lippen kommt, Fetzen eines Gebetes auf unserer Zunge liegen …. wir wundern uns. Und erstaunen dann vielleicht im Nachhinein – das ist das Wunder des Glaubens. Das ist der Glaube, der nicht aus unserem aschgrauen und leerem Herzen kommt. Sondern der Glaube, der unerklärlich und geheimnisvoll einfach da ist und der Leere, Verzweiflung und dem Tod trotz.
Und wenn mancher von uns jetzt Gott auch nur klagen kann, vielleicht sogar auch uns anklagen tut – dass wir da nicht verstummen und Gott nicht den Rücken zudrehen … doch nur, weil wir uns doch noch darauf verlassen, dass da trotzdem doch noch einer ist, einer für uns da ist, unsere Worte hört…
Und wir wissen – für Jessica und für uns gibt es jetzt keine andere Chance mehr als dass Gott trotz allem doch da ist, für Jessica und für uns da ist.
Diese sechs Krüge hier erinnern uns an das erste Wunder Jesu im Johannesevangelium: er hat aus Wasser Wein gemacht. Er hat Menschen, die vom Leben ernüchtert, enttäuscht zu werden drohten … er hat diesen Menschen alles gegeben, was das Leben zu einem Fest macht: Wein, Musik, Tanz …..
Und zwölf Jahre hat Jessica das Leben als ein Fest gefeiert. Hat das Leben so intensiv erlebt, ist so sensibel mit dem Leben umgegangen, dass alle anderen sich immer wieder gewundert haben. Da ist Farbe in ihrem Leben gewesen, die Farbe, die ihr, ihre Tanzgruppe jetzt mitgebracht habt … dies leuchtende Orange. Und sie hat getanzt: auf dem Stuhl in der Klasse, an der Kasse im Supermarkt, mit dem Vater durchs Wohnzimmer. Und da war Musik in ihrem Leben … da waren die Kirchenmäuse. Das Fest des Lebens … zwölf Jahre. Und hat andere mit ihrer Lebensfreude angesteckt, angezogen.
Für mache auch eine schmerzliche Erfahrung. Für mache, die ihr gerne näher gewesen wären, die gerne mehr von ihr gehabt hätten, manche, die zum ersten Mal das Leben ganz heftig schlagen gefühlt haben und da hat sie sich hingesetzt, lange Briefe geschrieben. Und dem enttäuschten Jungen geschrieben, wie sehr sie ihn mag und dass sie viel von ihm hält, aber dass sie doch ihre eigenen Wege gehen möchte. Ist ganz vorsichtig, ganz sensibel mit dem Leben umgegangen.
Und mehr kann ja einem Menschen nicht glücken: die Feier des Lebens und die Solidarität mit dem Leben zusammenzubringen. Intensiv und sensibel zu leben.
Und damit ist sie auch Jesus ganz nahe gewesen.
Und Jessica und alle die sie gekannt haben, haben ja gedacht, dass ihr Weg dann auch so weiter gehen würde: Tanz und Musik, das Orange der Sonne und das Blau des Meeres, die Familie und die Freunde, die Katzen und die Schafe.
Aber so ist es ja nicht weitergegangen. Plötzlich lag sie da, kalt und bleich. Und für uns hat es da ja ausgesehen als ob ihr Weg zu Ende gewesen wäre. Und hätten wir die Verheißung Gottes nicht, wäre jetzt ja auch alles zu Ende.
Aber im Psalm heißt es: „….er hat seinen Engel befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“ (Ps. 91, II) … „auf allen deinen Wegen.
Und wenn wir das Gefühl haben, dass der Abstand zwischen uns und Gott unendlich ist, dass Gefühl haben ,dass zwischen Jessica – wie sie da auf der Erde lag – und dem Himmel ein unendlicher Abgrund ist – dann ist es die Aufgabe der Engel diesen Abstand und diese Kluft zu überwinden, dann ist es die Aufgabe der Engel, dass sie Jessica „auf den Händen tragen“, den Weg zu Gott hin tragen.
Keiner von uns hat irgendeinen verständlichen Grund gefunden, dass Jessica gestorben ist. Ihr Tod ist und bleibt absurd und macht es uns mit Gott schwer.
Aber ihr Tod hat Folgen gehabt – es hat uns alle mehr oder weniger erschüttert, hat viele von uns einander näher gebracht. Ob fromm oder nicht fromm, evangelisch oder katholisch, oder was auch immer, deutsch oder türkisch … vieles, was vorher wichtig gewesen war, Abstand geschaffen hat… Jessicas Tod, diese Katastrophe hat uns nahe zusammenrücken lassen. Hat wie das Oderhochwasser Solidarität hervorgerufen. Und mancher ist vom hohen Ross herabgestiegen, hat sich stumm und hilflos in das graue Loch der Trauer hinabgewagt, hat es in diesem Loch mit Ihnen ausgehalten – und vielleicht, dass da auch der eine oder der andere im nachhinein ein Stück Nachfolge entdeckt. Nachfolge des Weges Jesus Christi, der aus himmlischer Höhe bis in den Staub der Erde herabgestiegen ist. Bis in den Staub der Erde, damit wir wissen: es gibt keinen Ort, keine Zeit mehr, wie grau und wie tief auch immer, keinen Ort und keine Zeit mehr, wo Gott nicht zu finden wäre.
Und dann, ganz leise, ganz zart, noch blaugrün und blaurot … und dann entsteht auch in diesem Loch, im Staub der Erde, unter der Asche neues Leben, ein Hauch von Glut, ein Keim von Hoffnung … blüht ein noch ferner Himmel auf….
Und der Friede Gottes, welcher Höher ist denn all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus ; Amen
Allan Grave/21.10.04 (Pfarrer)